DEIN WUNSCH IST MIR NICHT BEFEHL – WARUM DJs LIEDWÜNSCHE NICHT (IMMER) ERFÜLLEN…

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DJs (m/w) sind Arschlöcher. Man kommt in den Club, wünscht sich ein oder mehrere Lied/er und es/sie werden einfach nicht gespielt. Auch wenn man das dritte Mal am DJ-Pult war, das gewünschte Lied bzw. die gewünschten Lieder laufen einfach nicht. Die Laune trübt sich und man schreibt dem DJ Nachrichten, wie diese hier: „Spiel die Lieder bitte auch zeitiger die man aufschreibt!“. Warum tun wir DJs das einfach nicht? Sind wir zu große Egoschweine, die sich gegen die Wünsche der Gäste einfach aus Prinzip wehren? Geht es um Machtspielchen mit den Gästen? Weil wir es einfach können? Folgend mal ein Erklärungsversuch…

Ich wurde letztens auf Facebook zu einer Gruppe namens Dumme Fragen an den DJ eingeladen. Letztlich eine Zusammenfassung dessen, was sich die DJs untereinander stets über die verschiedenen Gäste und die dazugehörigen Anekdoten erzählen. Folgend mal eine, wie sie letztlich schon von vielen anderen DJs in ähnlicher Weise erlebt wurde: Ich drücke auf den Play-Button und es läuft Someday von The Strokes. Es kommt ein Mädchen zum DJ-Pult und fragt mich, ob Sie sich auch was wünschen darf. Ich bejahe es freundlich. „Kannst Du Last Nite von den Strokes spielen?“ Ich antworte: “Ähm, aber die Strokes laufen doch grade“, und verziehe dabei etwas verwundert mein Gesicht. Sie erwiderte: „Ach so. Hmm, aber Last Nite ist viel cooler und meine Freunde, mit denen ich hier bin, wollen das auch viel lieber hören“. „Vielleicht spiele ich das Lied dann später“, versprach ich Ihr dann mehr oder weniger. „Wann denn?“, fragte sie. „Vielleicht in 2-3 Stunden oder so, das kann ich Dir jetzt nicht so genau sagen“. Mit einem hoffnungsvollen Gesichtsausdruck gab sie mir dann zu verstehen: „Das ist aber doof, denn ich wollte in einer viertel Stunde gehen. Kannst du das Lied nicht bis dahin noch mal spielen?“
Meine Antwort war natürlich: nein. Die meisten DJs, mich eingeschlossen, haben gerade bei Indie-Musik den Anspruch, eine vielfältige musikalische Auswahl zu bieten. Es kommt natürlich vor, das Bands an einem Abend doppelt gespielt werden, aber nicht die gleichen Lieder. Und da kann und will ich als DJ bei 300-500 Gästen nicht auf den einen Gast Rücksicht nehmen, welcher entweder bald gehen muss, grad auf Klo war und deshalb das Lied nicht gehört hat, vorhin noch nicht im Club war, als das Lied lief und welche Versuche an Ausreden es noch gibt, das gewünschte Lied wieder beim DJ in die Playlist zu drücken. Das Schlimme ist, wenn man das selbst dem Gast freundlich erklärt, man nur Unverständnis erntet und Drohungen a lá dann gehen meine 10 Freunde und ich eben bekommt. Bitte tut euch keinen Zwang an. Beim nächsten mal bitte nur etwas gesunden Menschenverstand anwenden, das reicht mir schon.
Es geht mir nicht um einen Graben, den ich zwischen Gast und DJ graben will. Party heißt immer noch zusammen, miteinander zu feiern. Egal, um welche musikalische Richtung es geht! Und daher habe ich persönlich auch nichts dagegen, wenn sich Gäste Lieder bei mir wünschen. Jedoch geht es, um auf die vorher erwähnte Facebook-Gruppe nochmals zu kommen, an die DUMMEn FRAGEN AN DEN DJ!
Nächste allgemein anwendbare Anekdote. Gast: „Die Musik ist ja so lahm, kannst du nicht was rockiges von Rammstein spielen?“ Ich frage mich selbst sehr oft, ob sich der Gast an sich im Vorfeld informiert, auf was für eine Party er eigentlich geht? Das ich im Rahmen des British.Music.Clubs kein Rammstein oder Justin Bieber spiele, sollte doch eigentlich jedem im Vorfeld klar sein. Trotz alle dem kommen diese oder ähnlich „passenden“ Wünsche leider viel zu oft. Mit dem fehlenden Verständnis des Gastes dafür nach der schon erwähnten freundlichen Erklärung dessen, warum man das nicht tut. Und ja, ich unterstelle dem Gast damit etwas Dummheit! Ich geh doch auch nicht auf eine Electroparty und wünsche mir Schlagermusik. Also ganz ehrlich…
Grob gesagt gibt es für mich 3 Kategorien an Wünschen von Gästen. 1. Es wird sich was gewünscht, was musikalisch einfach nicht zur Party passt (wie gerade beschrieben). 2. Der Wunsch ist an sich passend, aber da gerade z.B. etwas electrolastigere Musik gespielt wird, muss der gitarrenlastigere Song noch etwas warten. Ich persönlich halte nichts davon Genres Song für Song zu wechseln, sondern versuche irgendwie einen roten Faden zu spielen (gelingt mir auch nicht immer, gebe ich auch zu). 3. Der Wunsch passt gerade so perfekt ins Programm und ich selbst habe nicht daran gedacht. Dafür lasse ich gerne auch mal das eine oder andere Kalt- bzw. Kurzgetränk springen. Passiert leider viel zu selten. Wir DJs sind leider auch nur Menschen und haben nicht alles auf Abruf im Kopf.
Noch eine Anekdote: “Hast du den Song XX von der Band YY?“. Man antwortet: „Nein, habe ich leider nicht dabei (ernst gemeint).“ „Hm, okay. Kann ich dann mal mein Handy ans Pult anschließen, dann kannst Du den Song spielen!“ Wenn man mal überlegt, ganz schön dreist. Ich gehe ja auch nicht auf ein Konzert und sage dem Gitarristen, er solle auf meiner mitgebrachten Gitarre spielen, weil diese besser klingt. Es mag ja sein, dass das Lied musikalisch passen würde, aber dann müsste man das jedem Gast erlauben und dann hätte man die Pro-Gast-Ein-Lied-Wunsch-Party und man wäre dann als DJ überflüssig. Und ja, wir DJs haben eine kleine Ehre, und wollen uns nicht ins Handwerk pfuschen lassen. Man schreibt einer Band bei einem Konzertbesuch ja auch nicht vor, welche Lieder diese zu spielen hat.
Dann gibt es ja noch das gern und oft angebrachte Argument, das wir DJs ja Dienstleister sind und im Interesse der Gäste handeln bzw. deren Wünsche respektieren und umsetzen sollen. Respektieren tue ich das, keine Frage. Je nach dem, in welcher der oben genannten Kategorie der Wunsch fällt, folgt die Umsetzung oder auch nicht. Nur bin ich nicht dazu verpflichtet, die mir angetragenen Wünsche auch zu erfüllen. Der jeweilige Club bzw. Veranstalter bucht mit einem DJ oder Partyreihe auch die dahinter stehende musikalische Ausrichtung. Sei es Electro, HipHop, Schlager, Indie, Metal und was es sonst noch so alles gibt. Daher entscheidet letztlich auch der Gast, ob er das vom Club oder Veranstalter gewählte und für den Abend gebuchte Programm an Musik annimmt oder nicht. Denn wenn der DJ/die Partyreihe einfach nicht gefällt, bleiben die Gäste aus, der Club leer und der Club bzw. Veranstalter wird sich nach einem/einer anderen DJ/Partytreihe etc. umsehen, da er von dem Einnahmen letztlich – mit Abzug der ganzen Kosten eines Clubbetriebs an Personal, Strom etc. – seinen Lebensunterhalt bestreiten will/muss. Im Umkehrschluss dürfte ich dann eigentlich nirgendwo mehr auflegen, da mir schon so oft von Gästen, deren Wünsche ich nicht erfüllt habe, angedroht wurde, das allen ihren Freundinnen und Freunden zu erzählen, wie scheiße und schlecht ich doch bin und dann niemand mehr zu den zukünftigen Partys kommen wird.
Zum Glück, und dafür bin auch dankbar, gibt es nach bislang 6 1/2 Jahren BRITISH.MUSIC.CLUB immer noch viele viele Menschen, die zu unseren Partys kommen. So schlimm kann es dann also doch nicht sein. Vielleicht. Nochmals DANKE dafür!

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32 Gedanken zu „DEIN WUNSCH IST MIR NICHT BEFEHL – WARUM DJs LIEDWÜNSCHE NICHT (IMMER) ERFÜLLEN…

    1. Slogun

      Das was einen Dj zum Kochen bringt:

      „Spiel doch mal was schönes“
      „Spiel doch mal was worauf ich Tanzen kann“
      „Ich bin mit meinem Freund da und der wünscht sich XYZ….“
      „Wenn Du XYZ spielst bekommst Du von mir nen Drink / Zungenkuss / Blowjob etc…“

      Am allerbesten sind immer diejeigen die einem ihre selbstgebrannten CDs mitbringen oder einem extra irgend eine Schei**e auf CD brennen, und dann ankommen und einem jedes einzelne Lied darauf erklären oder irgendwas dazu labern.
      Ich möchte an dieser Stelle einen ehemaligen Kollegen zitieren der auf sehr penetrantes Musikgewünsche einer Discobesucherin antwortete:
      „Darüber diskutiere ich nicht!“

      Irgendwann ende der 90er in der Gothicdisco:
      „Spielst du mal Gaaad divoschn?“
      „Spielst du mal Flandern in Not?“

      argh!

      Antwort
    2. Hobrecht

      Aber am schönsten finde ich immer wenn ein Gast zu mir kommt , den Songtitel und den Artisten nicht kennt und mir was vorsingt ! …ja genau mein trommelfell fängt dann ganz langsam an zu pochen und es kommt leider gottes etwas blut raus …..

      Sag mal kennst du den ? “ Lalaalaa-rumtata-lalaaalaa-rumtataa“

      in diesem Sinne super text 😉

      Antwort
  1. Plastisch

    Ich stelle ein Set zusammen ,achte darauf das die Songs einem gewissen Fluß entsprechen d.h. wenn ich Rammstein spiele ich danach keine Softnummer reinhaue.Viele Djs hören sich nach Radioairplay an.Zu durcheinander,abgehackt usw.Musikwünsche kommen da noch hinzu.Die müssen auch eingebaut werden.Aber das mit der gleichen Band und dem Ach so coolerem Titel kenn ich auch.

    Antwort
    1. meine kleine Gewalt

      hab schon gedacht…. ich hätte was verpaßt. denn hier auf meinen berg (gasthof) werden viele hochzeiten und geburtstage gefeiert…. und die musik-aufleger…. tun alles durcheinander spielen…. dachte, es wäre modern 😉 und bin nicht mit der zeit gegangen 😉
      dann kann ich auch alles weiter so machen, wie bisher…. lese hier… das ich doch den richtigen weg gehe.

      Antwort
  2. Jens Wienand

    Hab da auch mal was zu geschrieben:
    DER TRAURIGSTE JOB DER WELT

    22:48 – In genau 12 Minuten macht der Club auf. Die CD mit den aktuellsten Hits, die ich gerade für heute zusammengestellt habe rotiert im Brenner. Ich putze mir noch schnell die Zähne –
    obwohl ich relativ wenig bis kein Kokain konsumiere blutet mein Zahnfleisch aus allen zu verfügung stehenden Poren.

    22:51 – Der Brennvorgang wird abgebrochen.

    22:52 – Ich lege einen neuen Rohling ein, verringere die Brenngeschwindigkeit , denn meine Freundin sagt auch immer: Es kommt nicht auf Geschwindigkeit, sondern Qualität an.
    Der Club macht in 7 Minuten auf. Ich komme definitiv zu spät.

    22:54 – Ich zetrete unabsichtlich ein namenloses Wirbeltier und versuche die Reste von dessen Rückrat an der Schmutzmatte abzustreifen. Ohne Erfolg.

    23:02 – Die Clubbesitzerin ruft mich auf meinem Handy an. Da ich die Musik, die ich als Klingelton installiert habe sehr mag höre ich das Lied bis zu Ende und verpasse den Anruf. 76 % Fortschritt im Brennvorgang. Ich packe schon mal meine Tasche vor die Tür. Es regnet. Wenn Gott ein DJ ist, wieso hasst er mich dann?

    23:04 – Brennvorgang abgeschlossen. Ich packe die CD in meine Hosentasche und renne aus der Wohnung – Ich bin schon jetzt verschwitz.

    23:05 – Der Club liegt nur 5 Blocks entfernt. Vorbei an 2 Dönerbuden und der Rückseite des Kinos, aus dem glückliche Päärchen laufen, Männer und Frauen gehen Hand in Hand, sie sehen sehr glücklich aus und werden vermutlich noch mit einander schlafen. Meine Freundin ist momentan in Urlaub, ich werde heute Nacht also alleine pennen.

    23:07 – Ich denke nach ob ich wirklich alleine schlafen muss. Es könnte ja noch ein Wunder passieren und ich werde angesprochen und abgeschleppt. Sagt man DJs doch nach. Geschieht aber nie. Mir zumindest nicht.

    23:09 – Ich komme im Club an. Bestandsaufnahme: Ein Gast, Scheiss Musik, saure Chefin. Die wiederum begrüßt mich mit Küsschen Küsschen- Mein sexuelles Highlight heute.

    23:11 – Mein erstes Lied heute ist ein deutsches Lied. Ich mag das Lied, den Text, die Melodie. Das Heimatland der Band hingegen mag ich nicht.

    23:37 – Der Club füllt sich, die Gäste ebenfalls. Noch kann ich Musik spielen die mir gefällt, die zwar tanzbar ist, aber unbekannt. Wie ich. Noch kam niemand, um mit mir zu sprechen.

    23:45 – Wow, wo kommen die Menschen her? Auf der Tanzfläche wird es voller, ein Griff in die Hitliste vom letzten Jahr, die Masse fängt an sich zu bewegen. Die ersten Gäste die mich kennen nicken mir grüßend zu. Ich lächle, konzentriere mich auf den nächsten Übergang. Hallo sagt niemand.

    23:49 Adrenalin! Ich komme langsam in das Gefühl, das man für das Auflegen braucht, wenn man den Rhythmus mehr spürt als hört, die Stimmung im Saal die einzelnen Personen zu einer geschmeidigen Masse vermischt.
    Diese Masse enthält aber auch Klümpchen. Eines davon kommt auf mich zu und fragt mich, ob es sich etwas wünschen darf. Ich mache in Gedanken einen Strich: 1.
    „Darf ich mir etwas wünschen?“ „Ja, so lang es nicht von Billy Talent ist“ – Meine Standartantwort.
    Wünsche werden registriert, abgelegt, und mit einer Bearbeitungszeit von ca. 2 Wochen per Post beantwortet. In seltenen Fällen spiele ich die Lieder, die sich die Menschen wünschen.

    23:59 – Ich werde von einem Mann Ende 30 informiert, das die Ursel Geburtstag hat, und ich sollte doch via Mikrophon alle Gäste diesbezüglich informieren und etwas Passendes spielen. Ich habe leider kein Mikrophon und wenn jetzt ein Lied passt dann: geh doch zu Hause, du alte Scheisse.

    00:03 Ursel kommt, und informiert mich, das sie heute Geburtstag hat, ich gratuliere und weise auf die Flasche Sekt hin, die sie nun an der Bar erhalten könne. Ursel will keinen Sekt , sondern ein Lied von Billy Talent. Ich habe meinen Spruch auch nicht richtig aufgesagt, und verspreche, von dieser Band garantiert nichts zu spielen, mit derem beschissenen 2. Album, das an Kaffee erinnert, der zum zweiten mal durch den Filter gegossen wurde: Genauso durchschaubar, genauso geschmacklos!
    Ursel schaut leicht enttäuscht.

    00:45 – Jemand wünscht sich die Strokes, er trägt ein Strokes T-Shirt. Strokes T-Shirts sind die Böhse Onkelz Shirts im Indie-Segment. Ich lüge, dass ich die CD vergessen hätte. Ehrlich wäre die Antwort gewesen: Kauf ich nicht. Mainstream-Rotz.

    00:59 – Ursel macht vor meinen Augen mit irgendeinem Typen rum, der sie vorher mit Bier bespritz hat. Ich habe etwas Mitleid, vor allem mit mir.

    01:24 – Ein absolut traumhaft schönes Mädchen kommt zum DJ Pult, lächelt, und wartet, das ich den Kopfhörer abnehme…
    Sie sagt “Hi!“
    Ich denke, sie will mit mir schlafen und antworte dementsprechend charmant: Was is los?
    Sie: Spielst du auch Wünsche? Ich antworte mit der Billy Talent Antwort, sie lacht und sagt, das wäre ja auch quatsch, aber Foo Fighters wären ja total toll.
    Ich sage ihr, das sie damit recht hat, denke aber: Hätte sie, wenn ich der DJ in einem Baumarkt wäre.

    1:29 – Ich spiele Foofighters, auch wenn es die schönen Übergänge kaputt macht. Ich schaue auf der Tanzfläche nach dem Mädchen. Ist nicht da.

    1:40 – Da ist Sie ja! Ich lächle sie an, und sie kommt, und fragt, ob ich denn jetzt Foo Fighters spiele, ich wundere mich, vielleicht kannte sie den Song ja nicht, schließlich müsste Sie wenn ich richtig gerechnet habe ca. 11 Jahre alt gewesen sein als dieser Veröffentlich wurde. Sie sagt, sie war rauchen und habe nichts gehört. Ok.
    Sie fragt, ob ich auch mit rauchen kommen würde, ich sage, ich rauche nicht. Da geht Sie weg. Adrenalin.

    1:54 – Ich spiele Bonaparte. Find ich ganz gut eigentlich.

    1:55 Ein offensichtlich sturzbetrunkener junger Mann freut sich sehr über die Musik, er tanzt und zeigt den Daumen! Yeah, ich freu mich.

    1:56 – Bonaparte läuft noch immer. Der Typ kommt zu mir und sagt, das wäre ne Super Party, ABER noch besser wäre es, wenn ich jetzt BONAPARTE spielen würde. Ich bin verwirrt, antworte, das bereits Bonaparte läuft, er hört und verneint. Okay, wohl ein Fehler meinerseits. Betrunkene und Kinder sagen schließlich die Wahrheit.

    2:29 Die homogene Masse fängt ganz unkontrolliert zu schwitzen an. Jemand wünscht sich passend Smells Like Teen Spirit. Ich spiele Hoffnungsvoll Love Will Tear Us Apart.

    2:37 Das Gefühl, das den Beat direkt in die Blutbahn lenkt schwingt leicht in Mischung aus Langeweile und purem Unverständnis. Die ersten Gäste befreien sich von ihren Oberteilen. Leider ist kein einziger davon weiblich.

    2:41 – Auf dem 2. CD Player habe ich mir ein Hörbuch angemacht und lausche über Kopfhörer den 3 Fragezeichen.

    2:44 Auf der mentalen Strichliste der Gästewünsche sind wir im hohen zweistelligen Bereich angekommen. Wünsche werden jetzt durch hochfrequente Minderjährige Stimmorgane, Zettel und Iphones überreicht. Ich sage ehrlicherweise: Kommt noch!
    Was so viel heißt wie: Soweit kommt’s noch.

    2:54 Ich verstehe, wieso in Bussen vorne steht: Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen. Ich nehme mit vor ein T-Shirt mit diesem Spruch bei jedem zukünftigen Auftritt anzuziehen.

    3:14 Langsam leert es sich, der harte Kern, der jetzt noch tanzt, bleibt bis zum Schluss. Ursel liegt in Erbrochenem in der Ecke und schläft.

    3:36 Alle, die sich noch nichts gewünscht hatten haben sich in den letzten 4 Stunden genug Mut angesoffen um mich JETZT anzusprechen. Nach meinem Namen hat mich noch niemand gefragt.

    3:54 Das letzte Lied, ich entscheid mich für The Cure-Lovesong. The Cure ist die langweiligste Band die ich je live gesehen habe. Ich denke gerne an eine beliebige Cure-Coverband, bei der zwei echte Fans der Band vor der Bühne stehen und sich unterhalten: Ganz schön langweilig, würde der eine sagen, worauf der zweite erwidert: Da hast du recht. Aber lange nicht so langweilig wie das Original.

    3:59 Der Rausschmeisser. Das Licht geht an, Die Türsteher ziehen ihre mit Quarzsand gefüllten Handschuhe an um den menschlichen Restmüll vor die Tür zu geleiten. Paul Anka singt in einer Swing-Version Smells Like Teens Spirit, ich packe meinen Kram zusammen und verschwinde im Büro.

    4:03. Bargeld dankend erhalten. Ich unterzeichne die Quittung, schaue zurück auf das vom Putzlicht erhellte Schlachtfeld aus zerbrochenen Flaschen, Flyern, einem Schuh, einem BH – vermutlich der von Ursel – außerdem finde ich auf dem Boden ein Pillendöschen von Karl Lagerfeld.

    4:09 Ich ziehe meinen Kram auf meinem Trolly hinter mir her und schiebe mich an den gackernden Gästen vorbei, die irgendwie noch ein Bier aus dem Club geschmuggelt haben. Das wäre die letzte Gelegenheit mich anzusprechen, mir zu sagen, dass es gefallen hat, der Abend toll war, das die Musik gut war und ich das Gefühl hab, das ich auch irgendwie gut bin.
    Ich gehe durch eine menschenleere Stadt, die Dönerbuden sind geschlossen und ich taste nach den Geldscheinen, um mich zu vergewissern, dass ich etwas geleistet habe in dieser Nacht.
    Dabei spüre ich die für diesen Abend gebrannte CD, von der ich kein einziges Lied gespielt habe.
    Ich freue mich jetzt schon auf das leere Bett, den traumlosen Schlaf und das Taube Gefühl im Mundraum, das ich morgen früh haben werde. Es ist der traurigste Job der Welt. Aber ich liebe ihn.

    Jens Wienand aka LastJensToDance

    Antwort
    1. djrandomplay

      Moin Jens, haste schön geschrieben, las sich flüssig durch. Als DJ würde ich Dir empfehlen, mal runterzukommen. Arbeite mal irgendwo richtig, ganz gleich welcher Job und Du wirst das Auflegen wieder lieben. Und stell denn http://www.geschmackspapst.de ab. Nur weil Du Billy Talent nicht magst, muß das dem Rest der Welt nicht genauso gehen. Glücklicherweise hören wir alle verschierdene Sachen. Ich WILL gar nicht, dass alle meine Lieblingsalben toll finden, ich will meine Lieblingsalben für mich. Und Wünsche erfüllen gehört zu unserem Job, sofern sie passen, klar. Wenn Du das nicht willst, mußt Du so gut werden wie David Guetta, der braucht keine Wünsche mehr erfüllen. Aber so lange bist Du kein Künstler, sondern ein Dienstleister und im Rahmen Deiner Möglichkeiten, auch Deinen Gästen verpflichtet.

      Antwort
      1. djrandomplay

        Zu cool, dein Beitrag hier steht im Lexikon sicher direkt als Beispiel für den Begriff „Bullshit“! Und dein DJ Name als nick hier sagt ja schon alles. Klingt wie mieser MietDJ ohne jeden eigenen Charakter und Geschmack, der eigentlich am besten auf Onkel Alberts 65 Geburtstag aufgehoben wäre.

    2. Victoria

      Sehr sehr gut geschrieben, vielen Dank für diesen Einblick. Mein Freund ist auch dj und hat so manches schon genauso beschrieben, Du hast das nun bestätigt.
      Gott sei dank gibt es ja bestimmt auch bei Dir die guten Party abende, wo alles passt. Aber ganz egrlich: bevor ich meinen Freund kannte, hatte ich auch ein komplett anderes Bild von diesem Job! Das image von DJs ist ein völlig von der Realität abweichendes.
      Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß und Erfolg bei deiner Arbeit! Liebe Grüße von Victoria

      Antwort
  3. undergroundnoises

    Sehr schöner Artikel, kam mir Vieles bekannt vor. Zwei Punkte hast Du aus meiner Sicht aber vergessen, möglicherweise passiert das bei Euch aber nicht, sondrn nur im Industrial / Noise-Bereich.

    1. Hast Du auch Musik / Kannst Du auch mal ordentliche Musik spielen…?
    Eine Frage, für deren Beantwortung ich gern einen Baseballschläger bei mir hätte.

    2. Spiel doch mal…. (Hier kann man einsetzen, was man will.)
    Das Prinzip besteht darin, den DJ mit genau einer Band oder einer SubSubRichtung zuzuballern, damit der Fragesteller und seine Kumpels den Rest des Abends feiern können, woraufhin die anderen Gäste die Disko verlassen.
    Hier hilft nur eine konsequente Verleugnung, z.B: „EBM – spiele ich nicht!“, auch wenn man durchaus auch Titel davon im Repertoire hat und selbst auhc gern hört. Bis die Deppen dann endlich gegangen sind.

    In deisem Sinne: A DJ Is Not A Jukebox!

    Antwort
    1. Dj TomEmtiar

      Sehr schön geschrieben. Leider sind die Momente in denen man ein vernüftiges Feedback zu seiner Arbeit erhält sehr selten. Ich persönlich bin ja immer an sogenannter konstruktiver Kritik interessiert,denn auch wir DJ´s sind nur Menschen und manchmal vergisst man den einen oder anderen Hit. Abertrotzdem macht es irgendwie Spass und man kann lange von den seltenen positiven Erlebnissen zehren. In diesem Sinne :weiter machen weil wir es ja doch lieben!

      Antwort
  4. 089DJBooking München

    Den Nagel auf den Kopf getroffen und ich finde, seit jeder Mensch auf dem Handy und überall seine Musik mitnehmen kann, schalten die Leute und Gäste immer mehr Ihren Verstand aus wenn Sie auf eine Party gehen. Am besten ist auch immer wenn mir wildfremde Menschen die unterschiedlichsten Smartphones unter die Nase halten mit den zwei Sätzen „Haste das auch/Kennst Du Das“ oder „Spiel doch mal das jetzt SOFORT“. Da würde ich innerlich am liebsten immer mit Granaten um mich werfen… Aber schön das mal einer es traut sich zu schreiben und ich stehe da voll hinter Euch… Greez

    Antwort
  5. Nawei

    Es ist echt Interessant hier zu lesen, was die DJs über Musikwünsche so denken. Da ich selbst kein DJ bin, sondern nur ein sogenannter „Party-Gast“, ist es echt schön zu hören, dass es in Deutschland tatsächlich DJs gibt, die nicht nur versuchen die Musikwünsche soweit wie möglich zu erfüllen, sondern auch, wenn eine Black-, Rock-, Metal-, Indienacht usw. ansteht, auch diese Musik spielen. Da ich persönlich mehr auf Metal und Co. stehe, habe ich mich immer auf solche Partys wie „Testbild“, „Wacken warm up Party“, „Metalnacht“ gefreut. Früher wurden dort auch solche Bands wie „Finntroll“, „Haven Shall Burn“ usw gespielt (hach, waren das noch gute Zeiten). Leider darf ich jetzt feststellen, dass der DJ 1. nicht mehr alle Metalbands spielt und 2. sobald die Studenten kommen, er nur noch die Charts rauf und runter spielt gepaart mit „Die Ärzte“, „The Hives“ und co. und wenn ich dann nach einem Metallied frage, dann werde ich nur dumm angeguckt und es wird gesagt: „Sorry, ich muss dem Publikum anpassen, also der breiten Masse (meist Studenten). Das finde ich traurig. Aber na ja. In anderen teilen Deutschlands gibt es anscheinend noch hoffnung. LG

    Antwort
    1. undergroundnoises

      Ein Problem von „alten DJs“ – ich lege seit ca. 15 Jahren just for fun nicht komerziell auf – ist, dass „früher alles besser war“. Man hat irgendwann keine Lust mehr, die zehntausenden Copycats anzuhören, die irgendeiner angesagte Band nacheifern. Also alle Bands zu spielen wird schwierig. Andererseits wundere ich mich, dass man bei Metal etc. Ärzte spielt. Ist schon eher die Unfähigkeit des DJs…

      Antwort
  6. Slogun

    Die ein- oder andere Anekdote aus einem Dj-leben:

    Gast:
    „Kannst Du mal das Original von Kraftwerk -.Das Model spielen?“
    „Oh nein, jetzt hat Kate Bush Placebos Running Up That Hill gecovert….“
    „Was besitzen eigentlich Joy Division für eine Frechheit Nine Inch Nails Dead Souls zu covern…?“

    DJ:
    „Kennst Du eigentlich Gloria Jones, Camille Yarbrough, Rock Master Scott & The Dynamic Three….?“

    usw, usf….

    Antwort
    1. undergroundnoises

      Schläge! Solche Kundschaft habe ich eher selten, zum Glück. Aber man muss auch Geduld mit der Jugend haben.

      Antwort
      1. Slogun

        undergroundnoises:

        Wenn Du so Noise / Industrialzeugs auflegst, speziell in dem Bereich gibt es massenweise so Spezialisten die alles besser wissen / können, und / oder die meisten und größten (Vinyl)Raritäten besitzen uns sowieso alles mit dem Löffel gefressen haben oder sich A*** eingeführ haben….

  7. Koeter

    Tipp gegen Handywünsche. Nur noch mit Vinyl auflegen 😉 Toller Effekt: Viele Menschen wünschen sich dann eher weniger, weil man ja „nur ein paar Platten“ dabei hat 😉 Wohingegen der gemeine CD/Laptop DJ selbstredend jedes jemals erschienene Stück Musik dabei hat. Ist ja schließlich digital….

    Antwort
  8. marcshake

    Ich, 2009 auf nem Hardstyle-Event am Auflegen.
    Frau kommt auf mich zu und sagt: „Kannste was von Marusha spielen?“
    Ich: „Hä?“ (Musik war sehr laut)
    Sie: „Na, Somewhere over the Rainbow oder so“
    Ich: „Dir ist schon klar, dass das hier heute ne Hardstyle-Party ist, da passt das vom Style jetzt nicht so wirklich…“
    Sie: „Dreh doch einfach den Bass mehr auf“

    Dies sind Momente, die einen in die Plattenkiste kotzen lassen. Ich mag die alten Sachen von Marusha, hätte das auf nem anderen Event vermutlich auch gespielt aber zum einen passen 140 bpm sowas von null zu 170 bpm und zum anderen ist die Aussage mit „mehr Bass, dann passt“ ja schon ziemlich lustig
    Ich seh’s ja so: Ein DJ macht seinen Job, weil er für die Freunde des Events die breite Masse bespaßen kann. Es gibt nix bekackteres als wenn jeder meint, „seine“ Lieblingsmusik zu spieln. Nem Arzt erzählt doch auch nicht, wie er ne Naht zu kleistern hat…

    Antwort
  9. /the weekender!

    Fakt ist: Ein DJ ist kein Dienstleister oder gar eine Musicbox. Auch nicht, wenn er bezahlt wird. Musikwünsche werden erfüllt, wenn sie kompetent und passend sind, sowie freundlich geäussert werden.

    Antwort
  10. Matze

    Für alle Nicht-DJ’s noch eine Erklärung. Es gibt genügend Sampler oder fertige Mixe mit guter Musik. Legt man die einfach ein, passiert auf der Tanzfläche gar nichts. Selbst ein gut funktionierendes Set, aufgenommen und 1 zu 1am nächsten Tag gespielt funktioniert nicht. Ist ja logisch, denn wenn das ginge, würde sich jeder Club den DJ sparen und einfach eine mp3 CD per Zufallswiedergabe spielen lassen.

    Was macht also der DJ? Er spürt was gerade passiert, dazu legt er den richtigen Song auf, der je nach dem, was er bewirken will, die Stimmung anheizt oder beruhigt. Ein super Song an der falschen Stelle gespielt ist wirkungslos. Der DJ baut einen Stimmungsbogen auf, er ist verantwortlich, dass auf der Tanzfläche etwas los ist. Der Focus des DJ’s liegt also auf den Menschen und dem was gerade passiert.

    Wenn jemand nun mit einem Musikwunsch kommt, kann das zufällig dazu passen und vielleicht hätte der DJ den Song eh gleich gespielt. Wahrscheinlicher ist der Fall, dass er etwas nach seinem persönlichen Geschmack hören will. Der Focus liegt also nicht auf den Menschen, sondern nur bei seinem egoistischen Wunsch ein besonderes Lied zu hören, egal was dann passiert. Könnte er fühlen, was gerade passiert und seinen Musikwunsch danach ausrichten, würde er nicht auf der Tanzfläche stehen, sondern als DJ hinter dem Mischpult.

    Auf privaten Parties kann man das oft erleben, dass der auserkorene Liedartist aus seiner Sammlung in wilder Abfolge seine besten Burner auflegt. Allen anderen schwillt langsam der Hals, weil die Party tot ist wie es toter nicht mehr geht und die Musik nicht mehr als Harmonie daher kommt sondern als Lärm.

    Antwort
  11. Matze

    Tja, ein mal an der falschen Stelle, das falsche Lied und die Tanzfläche ist leer. Und dann sagt nicht nur einer, der gerade seinen Wunsch nicht erfüllt bekam, du bist blöd, sondern alle.

    Antwort
  12. Pingback: Dein Wunsch Ist Mir nicht Befehl – Warum DJs Liedwünsche nicht (immer) erfüllen… | British.Music.Club - Boombatze Entertainment

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